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Was mir ein 13-Jähriger über Mut, Gefühle und Menschsein gezeigt hat

Ich habe Joshua nicht in den ROOTED Podcast eingeladen, weil er die richtigen Antworten hatte.

Ich habe ihn eingeladen, weil ich neugierig war, was passiert, wenn wir aufhören, immer nur Erwachsene über Männlichkeit zu befragen – und stattdessen einem Jungen zuhören.

Joshua ist 13 Jahre alt.

Nach wenigen Minuten war klar: Er sieht Dinge, an denen viele Männer noch ihr Leben lang vorbeilaufen.

Dieses Gespräch war kein Interview. Es war ein Raum voller Ehrlichkeit. Und es hat mich daran erinnert, warum diese Räume so dringend gebraucht werden.


Jungs fühlen. Früh. Und tief.

Am Anfang war Joshua ein wenig aufgeregt. Trotzdem aber wach, offen und ganz da.

Als ich ihn fragte, was für ihn ein Junge ist, sprach er nicht über Stärke, Dominanz oder Durchsetzungsvermögen.

Er sagte etwas sehr Einfaches:

Ein Junge braucht Spaß. Und Sport.

Dieser Satz ist mir geblieben. Weil darunter etwas ganz Wesentliches liegt: Bewegung. Lebendigkeit. Freude. Ausdruck.

Nicht Leistung. Nicht Härte. Nicht Zusammenreißen.

Wir kamen schnell zu den Gefühlen. Zu dieser stillen Regel, die viele Jungs sehr früh lernen: Wut geht. Traurigkeit eher nicht. Angst schon gar nicht.

Wir kennen das wohl alle...

Joshua widersprach nicht theoretisch. Er erzählte eine Geschichte. Von einem Film. Von einer Figur, die nach außen grob wirkt, aber innerlich eigentlich nur gesehen werden will.

Für ihn war das keine Schwäche. Es war ehrlich.

Und ganz ehrlich: Wenn ein 13-Jähriger das so klar sehen kann, dann liegt das Problem nicht bei den Jungs. Dann liegt es bei den Bildern, die wir ihnen anbieten.


Schule, Trauer und echte Solidarität

Eine der stärksten Stellen im Gespräch war für mich eine Szene aus Joshuas Schulalltag. Ein Mitschüler hatte einen schweren Verlust erlebt. Er war traurig. Er weinte.

Die Jungs standen hinter ihm. Sie unterstützten ihn. Hielten ihn. Nahmen ihn ernst.

Andere hingegen sagten, er solle nicht so weinen. Er wolle nur Aufmerksamkeit.

Joshua erzählte das ruhig. Ohne Drama. Ohne Anklage. Aber mit einer Klarheit, die mich wirklich beeindruckte.

Für ihn war völlig selbstverständlich: Jeder Mensch darf traurig sein. Punkt.

Diese Selbstverständlichkeit ist vielleicht das Erschreckendste – und zugleich Hoffnungs­vollste – an dieser Geschichte. Denn sie zeigt: Empathie ist da. Sie muss nicht beigebracht werden. Sie muss nur nicht unterdrückt werden.


Sicherheit entsteht in Beziehung

Wir sprachen viel über Fußball. Über Mannschaft. Über Fehler. Über Druck. Joshua erzählte, wie er nach einem Patzer von seinem Team aufgefangen wurde.

Wie niemand ihn bloßstellte. Wie Verantwortung geteilt wurde.

Das sind die Räume, in denen Jungs lernen, dass sie nicht perfekt sein müssen, um dazuzugehören. Dass Leistung wichtig sein darf – aber nicht auf Kosten der Verbindung.

Ein sicherer Trainer. Eine unterstützende Mutter. Freunde, die zuhören. Joshua hat ein Netzwerk. Und man spürt, was das mit einem Jungen macht.

Er weiß, wohin er gehen kann, wenn es zu viel wird.

Er weiß, dass er Gefühle nicht verstecken muss, um respektiert zu werden.


Angst, Wut und echte Stärke

Als wir über Angst sprachen, sagte Joshua etwas, das ich am liebsten jedem Mann vorspielen würde:

Angst ist nichts Schlimmes.Sie schützt uns.

Er sprach nicht über Heldentum. Er sprach über Wahrnehmung. Über Ehrlichkeit. Über Grenzen.

Auch über Wut. Nicht als etwas, das unterdrückt werden muss – sondern als Energie, die einen guten Kanal braucht. Boxsack. Kissen. Bewegung. Raum.

Nicht gegen Menschen. Sondern für sich selbst.

Das ist emotionale Intelligenz. Ganz leise. Ganz praktisch.


Was bleibt...

Am Ende dieses Gesprächs hatte ich nicht das Gefühl, einem „weisen Kind“ begegnet zu sein. Ich hatte das Gefühl, einem unverstellten Menschen zu begegnen.

Joshua zeigt, was möglich ist, wenn Jungs nicht in enge Bilder gepresst werden.

Wenn sie Nähe leben dürfen. Freundschaft. Verletzlichkeit. Respekt.

Männlichkeit muss nicht neu erfunden werden. Sie darf wieder menschlich werden.

Vielleicht beginnt das nicht bei Konzepten.

Sondern bei einem einfachen Akt:

Zuhören.

 
 
 

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