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Was im Männer Circle passiert – über emotionale Arbeit und echte Verletzlichkeit

Ich werde oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn ein Haufen Männer sich abends online trifft und über sich redet. Vor allem von Frauen. Die Vorstellung ist meistens: Bier, Fußball, ein bisschen Gejammer über die Partnerin, und dann geht jeder wieder seiner Wege.

Ich will heute mal einen Einblick geben, was wirklich geteilt wird:

In unserem Männer Circle geht es um emotionale Arbeit, die viele von uns nie gelernt haben.


Ich fange bei mir selbst an

Letzte Woche saß ich da und musste was zugeben, das mir ziemlich unangenehm ist:

Ich gehe auf Instagram raus. Auf meiner Seite steht, dass ich Männer begleite. Mentor für Männer. Ein paar Tage vorher hatte ich ein Reel aufgenommen, fertig geschnitten, untertitelt, alles bereit. Und dann hab ich gemerkt: zwischen mir und meiner Partnerin ist es gerade richtig kalt, distanziert.

Ich saß da und dachte, das kann ich jetzt nicht hochladen. Sie denkt doch, willst du mich verarschen? 

Du gehst da raus mit einem schlauen Satz über Männlichkeit, und was machst du hier zu Hause in unseren vier Wänden?

Hin und her. Erst recht raus damit. Nein, erst will ich es wirklich integriert haben, bevor ich rausgehe und sage, so sehe ich einen Mann in der Beziehung.

Da ist diese Stimme, die sagt: erst wenn du es gecheckt hast, darfst du den Mund aufmachen. Erst wenn du dastehst wie eine Eins.

Aber so läuft das nicht. Ich bin nicht der Typ, der alles verstanden hat. Ich werde regelmäßig wütend. Ich kann meine Partnerin total abschneiden, weil ich jahrelang nice-guy-mäßig alles geschluckt habe und in den letzten Jahren ganz viel davon rauskommt (wird weniger, beliebe me). 

Und sie merkt sofort, wann ich nicht in meiner Klarheit bin.

Das ist der Mann, der den Circle hält. Kein Guru. Einer, der mittendrin ist.


Was an dem Abend hochkam

Wir waren zu fünft. Verschiedene Männer, verschiedene Leben. Und trotzdem kam bei jedem von uns dasselbe hoch.

Wir erklären. Wir reden uns schlau aus dem Scheiß raus. Wir können so gut begründen, warum wir so reagiert haben, dass wir uns am Ende fast selbst überzeugen. Einer hat es genau benannt: ich rede so schlau daher, dass ich es schon fast schaffe, mich selbst aus dem Mist rauszulabern. Dabei spürt die Partnerin sofort, dass da kein echtes Gefühl dahinter ist. Nur Kopf, wenig Herz.

Ein anderer sagte etwas, das mich mal wieder nicht gewundert hat: Ich zeige nicht mal mir selbst, wie es mir tatsächlich geht. Ich blockiere das vor mir selbst, so lange, bis es nicht mehr runterdrückbar ist. Und dann ist es so groß, dass ich Angst habe, es überhaupt nach außen zu tragen.“ Er nannte es Pseudo-Intimität. Man redet über Dinge, die verletzlich klingen, aber es ist kaum echtes Gefühl dabei. Viel Kopf, wenig Herz.

Wieder ein anderer merkte, dass seine klarsten Momente in Beziehungen immer die waren, in denen er sie beendet hat. Erst da war er ganz bei sich. Und er fand es traurig, dass diese Klarheit erst beim Schlussmachen kommt und nicht vorher, wenn sie noch was hätte retten können.

Der Jüngste in der Runde hat zugegeben, dass er sich gerade nahezu lebensunfähig fühlt und dass ihn das richtig fertigmacht. Dass seine Gedanken immer in denselben Bahnen laufen und er von allein nicht rauskommt.

Das sind keine Versager. Das sind Männer, die nach außen funktionieren. Und die innen einen Druck tragen, meist mega lange. Unbewusst.


Regenbogen über dem See als Symbol für Offenheit, Frieden und emotionale Heilung im Männer Circle

Woher das kommt

Das ist uns nicht angeboren. Das wurde uns antrainiert. Stark sein. Keine Emotionen zeigen. Nicht wegbrechen, nicht weinen. 

So früh, dass viele von uns heute gar nicht mehr wissen, wie sich das eigene Gefühl überhaupt anfühlt.

Und dann sitzen wir da, erwachsen, mit Job und Familie und Verantwortung, und kommen an uns selbst kaum noch ran. Im Konflikt schalten wir auf  Fight or Flight. Wir schießen zurück oder wir rennen weg, und erst hinterher sehen wir, was wir angerichtet haben. Wenn überhaupt.

Ich kenne das von mir selbst zu gut. Meine Partnerin kreiert manchmal Chaos, nicht um mich zu ärgern, sondern um mich zu fühlen. 

Sei hier, sei bei mir. Und ich verstehe es erst, wenn ich aus der Wut wieder raus bin.


Was die Arbeit eigentlich ist

Lange dachte ich, es geht darum, stärker zu werden. Mehr halten zu können. Nicht umzufallen.

An dem Abend hab ich es umgedreht, und ich glaube, das ist das Wichtigste, was ich teilen kann. Es geht gar nicht ums Starksein. Diese Stärke war bei mir nur so eintrainiert. Abgeschnitten, weg. Die eigentliche Bewegung läuft in die andere Richtung.

Es geht darum, mich zu spüren. In die Sanftheit zu kommen. Weinen zu können, was ich jahrzehntelang nicht konnte. Und ehrlich hinzuschauen, was da drunter liegt.

Bei den meisten von uns ist es am Ende dieselbe Sache. Die Angst, alleine zu sein. Die Angst, verlassen zu werden. Deswegen eiern wir rum, statt klar zu sein. Deswegen erklären wir, statt zu fühlen.

Und der Weg da raus läuft für mich fast immer über den Körper. Kraft, Atmung, Erdung. Nur darüber komme ich aus den Gedankenschleifen raus. Und meine Partnerin spürt sofort, wenn ich da wirklich rausgekommen bin.


Warum ein Circle so kraftvoll ist

Was in so einem Raum passiert, ist nichts Spektakuläres. Ein Mann sagt einen ehrlichen Satz. Und der Mann daneben merkt: ich bin nicht allein damit.

Kein Ratschlag. Keine Lösung. Keiner, der sich oben drüberstellt und erklärt, wie es geht. Nur die Erfahrung, dass man gesehen wird, ohne sich erklären zu müssen.

An dem Abend haben zwei erzählt, dass sie einen Therapieplatz suchen. Das klingt klein. Aber für Männer, denen beigebracht wurde, dass sie das alleine mit sich ausmachen müssen, ist das riesig.

Männer leiden leiser, als die meisten ahnen. Und sie heilen schneller, als sie selbst glauben, sobald sie endlich einen Raum dafür haben.

Genau deshalb mache ich das.



 
 
 

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Christian Suhr — Coach für Männer

Christian Suhr begleitet Männer in Trennung, Beziehungskrisen und der Vaterrolle. Mit Atemarbeit, Gewaltfreier Kommunikation und Kundalini Yoga als ausgebildeter Lehrer — online deutschlandweit, lokal am Bodensee.

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